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Branche — Gesundheitswesen

KI im Gesundheitswesen

Praxen und MVZ arbeiten mit Patientendaten, KIM und einer Sprechstunde, die kein Auto-Bot ersetzt. Fünf konkrete Anwendungsfälle, an denen tatsächlich entlastet — mit § 203 StGB und Sozialdatenschutz als Architektur-Voraussetzung.

Der Alltag, in den KI passen muss

Telefon klingelt vormittags durch, Sprechstunde bis 18 Uhr, abends Arztbriefe diktieren. Dreißig bis fünfzig Patienten pro Tag bei zehn Minuten Behandlungszeit. Die MFA macht Triage am Empfang, beantwortet Rezept-Anfragen und legt Termine — drei Aufgaben gleichzeitig, drei Aufmerksamkeitswechsel pro Minute.

im Gesundheitswesen ist 2026 vor allem eines: Entlastung an den Stellen, an denen wiederkehrende Verwaltung das Behandeln verdrängt. Diagnose und Therapie bleiben ärztliche Aufgabe — alles andere darunter (Anamnese-Strukturierung, Arztbrief-Entwurf, Terminvergabe für Routine-Anliegen, Mail-Klassifikation) lässt sich sauber unterstützen.

Voraussetzung: jedes Setup wird gegen Schweigepflicht und Sozialdatenschutz geprüft, bevor das erste Skript läuft. In den meisten Fällen führt das zu Self-Hosted-Pipelines oder zu zertifizierten EU-Hosted-Anbietern mit ausdrücklicher ärztlicher Schweigepflicht-Klausel — Cloud-Standard reicht nicht.

Fünf Stellen, an denen KI in Praxis und MVZ wirklich Sinn ergibt

Für jeden Fall: die Situation heute, wo andockt, ein Verweis auf die passenden Setup-Stufen und ein ehrlicher Tradeoff.

01. Sprachdiktat zu Arztbrief-Entwurf

Situation heute

Sprechstunde bis 18 Uhr, dann anderthalb Stunden Diktate für Arztbriefe — Anamnese, Befund, Beurteilung, Therapieempfehlung. Bei MVZ mit fünf Behandlern stapelt sich die Briefarbeit schnell zur dauerhaften Überstunde.

Wo KI hilft

Sprachaufnahme wird automatisch transkribiert und in einen strukturierten Brief-Entwurf überführt — Anamnese-Block, Befund-Block, Beurteilung-Block. Der Arzt prüft, korrigiert und gibt frei. Bei sensiblen Patientendaten verlässt die Aufnahme die Praxis nicht.

Was es nicht kann

Patientendaten gehören nicht in Public-Cloud-LLMs. Praxen-taugliche Setups sind entweder Full-Self-Hosted oder nutzen zertifizierte EU-Hosted-Anbieter mit ausdrücklicher Schweigepflicht-Zusicherung — und immer mit Arzt-Freigabe vor Versand.

02. Terminvergabe-Chatbot für Standardfälle

Situation heute

Telefon klingelt vormittags durchgehend. Die MFA macht parallel Triage am Empfang, beantwortet Rezept-Nachfragen und versucht, Termine zu vergeben. Patient hört Wartemusik, ruft später nochmal an, ist gefrustet — und der nächste Anruf läuft schon ins Leere.

Wo KI hilft

Ein Bot beantwortet Standardfragen zu Sprechzeiten, Ansprechpersonen und Routine-Terminen. Akute Beschwerden, Schmerz-Themen und unklare Anliegen werden sofort an die MFA eskaliert — mit Konversations-Summary, damit niemand zweimal erzählen muss.

Was es nicht kann

Der Bot gibt keine medizinische Beratung. Bei Beschwerden, die einer Triage bedürfen, schaltet er sofort auf einen Menschen um — die Schwelle dafür muss bewusst niedrig sein.

03. Eingangs-Mail-Routing und Rezept-Vorlage-Klassifikation

Situation heute

„Bitte Rezept verlängern“, „Kann ich Donnerstag früher kommen?“, „Bekomme ich noch eine AU für gestern?“ — Anfragen kommen über fünf Kanäle gleichzeitig (E-Mail, Patientenportal, KIM, Anrufbeantworter, Webformular). Die Sichtung blockiert eine Person den halben Vormittag.

Wo KI hilft

klassifiziert eingehende Anliegen (Rezept-Wiederholung, Termin-Wunsch, AU-Anfrage, Reklamation, allgemeine Frage), legt sie in der Praxisverwaltung im richtigen ab und schlägt eine Vorbereitung vor — die Freigabe bleibt beim Arzt oder bei der MFA.

Was es nicht kann

Rezepte werden nicht automatisch ausgestellt. Auto-Versand auch nicht für AU-Bescheinigungen — beides verlangt ärztliche Sichtung und Signatur, das ist KBV- und SGB-Recht.

04. Praxis-Wissensbasis (Hygiene, SOPs, QM)

Situation heute

Hygieneplan, QM-Handbuch, Notfall-SOPs, Hausstandards für Praxisorganisation — entweder in einem Aktenordner, der seit der letzten KV-Begehung nicht angefasst wurde, oder verteilt über Outlook-Notizen und PVS-Module. Wenn neue MFA anfangen, dauert das Onboarding doppelt so lang wie nötig.

Wo KI hilft

Eine eigene Wissensbasis mit Hygieneplan, QM, Notfall-SOPs und Praxis-spezifischen Handlungsanweisungen — semantisch durchsuchbar und durch das Team selbst gepflegt. Onboarding-Fragen finden ihre Antwort, ohne dass die Praxisleitung jedes Mal unterbrochen wird.

Was es nicht kann

Inhalt ist Praxis-Wissen, nicht Patientendaten. Damit ist auch eine Hosted-Variante denkbar — die Trennung von Praxis-Wissensbasis und Patientendaten muss aber bei der Architektur klar gezogen werden.

05. Codierungs-Vorschlag für GOÄ/EBM

Situation heute

Quartalsende, GOÄ- und EBM-Codierung wird durchgeforstet, weil sich die Honorarverteilung sonst rächt. Bei Spezialisten mit komplexer Codierung sind übersehene Ziffern oder Faktoren ein viel zu häufiges Problem — Geld liegt in der Akte, statt auf dem Konto.

Wo KI hilft

sichtet Behandlungs-Dokumentation und schlägt Ziffern und Faktoren auf Basis vergleichbarer Fälle vor. Der Arzt prüft, ergänzt und gibt frei vor der KV-Quartalsabrechnung.

Was es nicht kann

Codierungs-Hoheit bleibt beim Arzt, Vorschläge sind Vorschläge — keine automatische Übergabe an die KV. Lokales Modell ist hier praktisch immer die richtige Wahl.

Was im Gesundheitswesen (noch) nicht funktioniert

Vier KI-Versprechen, die in Praxen und MVZ unverhältnismäßig riskant oder regulatorisch problematisch sind:

KI als Diagnose-Werkzeug

Sobald ein System Diagnose- oder Therapie-Vorschläge generiert, ist es ein Medizinprodukt nach MDR oder IVDR — mit umfassender Zulassungs- und Konformitätspflicht. Für eine durchschnittliche Praxis ist das kein KI-Projekt, sondern eine Geräte-Anschaffung mit Lieferanten-Zertifizierung.

Automatisierte Anamnese ohne ärztliche Sichtung

, die Symptome erfragen und Vorschläge geben, sind regulatorisch und haftungsrechtlich problematisch. Vorab-Strukturierung von Patientenangaben ist möglich — die Anamnese selbst bleibt ärztliche Aufgabe.

Patientendaten in Public-Cloud-LLMs

§ 203 StGB und Sozialdatenschutz schließen den Standardweg über OpenAI, Anthropic oder Google praktisch aus. oder zertifizierte EU-Hosted-Anbieter mit ärztlichem Schweigepflicht-Vermerk sind die einzigen tragfähigen Wege.

KI-Codierung ohne Arzt-Freigabe

Auto-Versand an die KV nach KI-Codierung ist ein gefährliches Konzept. Falsch-Ziffern fallen erst in der KV-Prüfung auf — und teuer wird es nicht für das System, sondern für die Praxis.

Was bei KI im Gesundheitswesen zwingend mitgedacht wird

Vier Säulen, an denen jedes Praxis-Setup gemessen wird:

§ 203 StGB und ärztliche Schweigepflicht

Strafbewehrte Verschwiegenheit über alles, was im Behandlungsverhältnis anvertraut wurde. KI-Setups, die Patientendaten verarbeiten, müssen mit dem Datenschutzbeauftragten und ggf. der Berufskammer abgestimmt werden — eine allein reicht in der Regel nicht.

Sozialdatenschutz (§§ 67ff SGB X)

Sozialdaten unterliegen einer strengeren Regelung als allgemeine personenbezogene Daten. Verarbeitung, Speicherung und Weitergabe sind klar reglementiert — entsprechende Pipelines brauchen Verzeichnis der Verarbeitungstätigkeiten und ggf. .

MDR / IVDR und Haftung

Diagnostische oder therapieleitende KI-Funktionen fallen unter die Medical Device Regulation. Wer hier baut statt zukauft, muss ein Zulassungsverfahren rechnen — für die meisten Praxen nicht der Weg. Vorbereitungs-, Klassifikations- und Verwaltungs-KI bleibt davon ausgenommen.

TI, KIM, eAU, eRezept

Telematik-Infrastruktur ist nicht KI-Ersatz, sondern Pflicht-Layer für Praxen. KI-Workflows docken an KIM-Postfach oder PVS-Schnittstellen an — niemals als Ersatz für die TI-Komponenten selbst.

Werkzeuge, die in Praxen und MVZ schon laufen

ersetzt diese Systeme nicht — sie dockt an. Wo typischerweise die Schnittstelle liegt:

Praxisverwaltung (PVS)

CGM TurboMed, CGM Albis, CGM Medistar, medatixx, t2med, Tomedo, DocConcept, S3 — dockt typischerweise über die PVS-Schnittstelle, E-Mail-Gateway oder Dokumenten-Eingang an

Telematik-Infrastruktur

Konnektor, eHBA (elektronischer Heilberufeausweis), SMC-B, KIM-Dienst, ePA, eAU, eRezept — TI-Komponenten bleiben unangetastet, ergänzt

Diktiersysteme

Philips SpeechMike, Nuance Dragon Medical, Speechi mit medizinischem Sprachmodell — Übergabe-Punkt für KI-gestützte Arztbrief-Entwürfe

Termin- und Kommunikationsportale

Doctolib, Jameda, samedi, eterminservice der KV — Schnittstellen für Terminvergabe-Bots oder Online-Termin-Vorbereitung

Wie man in der Praxis typischerweise anfängt

Wer ohne KI-Vorerfahrung anfängt, hat zwei klare Kandidaten — und einen, bei dem es sich lohnt, vorher die Architektur zu klären.

Typischer Einstieg 1 — Mail- und Anfrage-Routing

Geringes Risiko, hoher Effekt am Empfang. Voraussetzung: klare Eskalations-Regeln und keine automatische Versendung von Rezepten oder AU-Bescheinigungen.

Typischer Einstieg 2 — Praxis-Wissensbasis (ohne Patientendaten)

Onboarding-Pain wird sofort spürbar, Datenschutz-Anforderungen sind moderat (kein Patientenbezug). Guter Lernschritt vor sensibleren Workflows.

Nicht beim Arztbrief-Diktat anfangen

So verlockend die Brief-Erleichterung ist — Arztbriefe verarbeiten echte Patientendaten und brauchen oder zertifizierte EU-Hosted-Anbieter. Erst die Architektur klären, dann diesen angehen.

Förderung im Gesundheitswesen

Die BAFA-Beratungsförderung gilt grundsätzlich auch für Arztpraxen und MVZ — der Zuschuss deckt Beratungs- und Konzeptions-Aufwand. Daneben existieren für Kliniken und teils auch ambulante Strukturen spezifische Programme (KHZG-Nachfolge, DigitalPakt Praxis, regionale TI-Förderungen). Investitionen in TI-Komponenten haben eigene Förderkulissen, die mit KI-Setups oft kombinierbar sind.

→ Details zur BAFA-Förderung
FAQ

Häufige Fragen zu KI in Praxen und Kliniken

Ja, mit klaren Grenzen. Verwaltungsaufgaben (Terminierung, Rezeptanforderungen-Vorklassifizierung, Aktennotizen aus Sprechstunde) sind unproblematisch, solange Patientendaten verarbeitet werden. Diagnoseunterstützende fällt unter MDR (Medizinprodukteverordnung) und braucht entsprechende Zertifizierung — das machen wir nicht.
KIM ist der gematik-Kanal für Arzt-zu-Arzt-Kommunikation. kann eingehende KIM-Nachrichten vorklassifizieren (dringend / Routine / Rückfrage), aber nicht beantworten. Wir bauen die Vorklassifizierung als Filter, der die Praxis entlastet — die fachliche Antwort bleibt beim Arzt.
Ausschließlich oder in zertifizierten EU-Rechenzentren (idealerweise mit C5-Testat oder ISO 27001). Cloud-LLMs wie ChatGPT oder Claude nutzen wir nicht für PHI (Protected Health Information). Für unkritische Verwaltungsaufgaben mit pseudonymisierten Daten ist EU-Cloud okay.
Praxen, die wir kennen: 3 bis 8 Stunden pro Woche bei Terminierung, Anamnese-Vorbereitung und Arztbriefen. Bei MVZ und größeren Einrichtungen mehr, weil sich Effekte multiplizieren. Hauptengpass ist meist die Schnittstelle zum Praxisverwaltungssystem.
medatixx, MEDISTAR, T2med, x.isynet — alle gängigen haben HL7- oder FHIR-Schnittstellen oder zumindest CSV-Export. Falls die Schnittstelle dünn ist, gehen wir über E-Mail-Workflows oder dokumentierte Klick-Automatisierung. Wir verändern nichts am PVS selbst.

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